4358 Tipps rss | 499 Nutzer online

Sambas Seitenhieb: Klassentreffen

Diesmal: Verlierer und wirkliche Verlierer.

Als mir vor kurzem die Einladung einer Klassenkameradin von vor was weiß ich wie vielen Jahren zum Klassentreffen mit Anhang und Familie(!?) ins Haus schneit, denk ich mir als erstes: Eigentlich eine schöne Idee und ein Sonntagnachmittag bietet sich doch dafür an. Mal die alten Leute wieder sehen. Einfach mal ein bisschen über die ‚gute’ alte Zeit plaudern. Mittlerweile glaube ich, bin ich alt genug dafür. ;-)

Nach erstem Staunen und sich wieder erkennen, versinkt man dann wie zu erwarten im Schwelgen alter Erinnerungen. Nach und nach treffen die Leute mit Anhang und Kindern ein. Langsam drängt sich mir die Frage auf, ob es wirklich eine so gute Idee war, den Anhang und die Familie mit einzuladen, als ich die Initiatorin hilflos mit dem selbst gebackenen Kuchen in der Menge schreiender Kinder stehen sehe. Ich denke: Arme Bärbel. Ob das so gedacht war?

Plötzlich fährt eine schwere Limousine vor. Ich muss dreimal hinschauen und erkenne Helmut, der viele Jahre direkt neben mir die Schulbank gedrückt hat. Er ist mittlerweile ein fetter Molch im Nadelstreifenanzug geworden und atmet schnell, als er es die paar Stufen zum Garten hinauf geschafft hat. An seiner Hand hält er ein dreimal so dünnes ca. zwanzigjähriges Persönchen und lässt gleich bei der Begrüßung plump überheblich einfließen, dass er gerade von einem wichtigen Meeting kommt und sich extra für uns frei gemacht hat.

Sie ist mit endlos vielen Pelzen behangen und man ist geneigt zu denken, das arme Ding bricht noch unter der Last zusammen. Ich zupfe einmal staunend an einem der Pelze und überlege, diese affige Großkotzerei kann man am besten mit einer blanken Verarsche quittieren: „Wow,“ frage ich, „echt Kamelhaarimitat?“ Alle lachen. Doch sie lächelt weiter ahnungslos. Vielleicht weiß sie ja nicht einmal, was ein Imitat ist. Helmut hingegen quetscht sich krampfhaft ein kurzes Kichern durch die Zähne.

Er ist mittlerweile zu anderen Schulkameraden an den Tisch gegangen und sein ca. fünfzehn Jahre jüngeres ‚Pelztier’, Marke: Carrie Bradshaw für Arme, sitzt allein und adrett gerade, ja fast wie geschient, wie Barbi in der Ecke und fühlt sich eigentlich zwischen Bockwurst, Kartoffelsalat und schnödem Bier eher deplaziert und hatte eigentlich mit einer Jetsetter-Steh-Party mit Champagner gerechnet. Dass sie hier nur als Statussymbol für schon lange verloren gegangene Männlichkeit einspringen muss, ist ihr offenbar nicht klar. Aber auch ihr Gönner scheint nicht zu begreifen, dass er bereits im Fettnäpfchen badet. Wie sich Leute doch verändern können. Hm.

Nun gut, ganz so dick aufgetragen haben es die anderen in der Runde dann nicht, aber hier und da ist schon eine gewisse Missgunst und Prahlerei zu verspüren, wenn jemand von seinem Erfolg berichtet, den ein anderer nicht vorzeigen kann. Es mutet fast an, wie das Streuen von Salz in Wunden. Doch hin und wieder ertappt man sich auch selbst dabei, diesen Neid zu verspüren. Ich frage mich, was ist der Grund dafür, dass wir diese Messlatte des eigenen Erfolges immer wieder neu ausrichten? Liegt es wirklich nur daran, dass sich die Zeiten so rasant ändern, oder könnte es auch sein, dass wir die Ziele in unserem Leben einfach nur zu hoch angesetzt haben, dass wir den Hals nicht voll genug kriegen können? Und diejenigen, die ihn schon voll genug haben; warum neigen diese Leute immer wieder dazu, damit so zu prahlen, dass es schon fast peinlich anmutet. Ist da unterwegs etwas verloren gegangen, dass sie das heute nötig haben? Die Sehnsucht nach Anerkennung, die es nirgendwo mehr gibt, und die man sich dann mit einer derart lächerlichen Aufführung erzwingen muss?

Auch wenn die Initiatorin es lieb gemeint hat, es kam wie es kommen musste. An diesem Tag schienen die Belange der Kinder immer mehr in den Vordergrund zu rücken, und schon bald endete dieser Sonntagnachmittag in einem Tumult quengelnder Sprösslinge, die einfach nicht einsehen wollten, dass sich nicht immer alles um sie dreht.

Dennoch war es ein amüsanter Tag, und ich denke, den einen oder anderen werde ich sicherlich noch einmal wieder sehen. Gut so, aber mehr sollte man davon auch nicht erwarten, und wenn jemand glaubt, ausgerechnet da Eindruck zu schinden, wo es gar nicht nötig ist, dann muss es ja schon arg um ihn bestellt sein?!

In diesem Sinne,

Gruß,

Samba

(Namen natürlich geändert!)

Weiter:



Ihr Kommentar:


Name: E-Mail:
Name und E-Mail in einem Cookie auf Ihrer Festplatte speichern

Veröffentlicht am: 27.02.2005
Aktualisiert am: 2005-02-28 12:21:24

Die Tipps von Tippscout.de sind sorgfältig recherchiert. Dennoch bitten wir um Verständnis, dass Tippscout.de keinerlei Haftung übernehmen kann für eventuelle Probleme oder Schäden, die aus der Umsetzung resultieren.

Copyright © Tippscout.de 1999-2010   | powered by Tippscout 5.0