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Sambas Seitenhieb: Mensch oder Schwein

Diesmal: Wie team ist Team? ... oder das Fähnlein im Wind.

Als wir abends in unserer Stammkneipe zusammensitzen, bemerken wir (leider erst nach Wochen), dass eine unserer Freundinnen zwar unter uns weilt, aber geistig nicht anwesend ist. Darauf angesprochen beginnt sie schon fast zu weinen. Ihr neuer Job hat sich zur Hölle entwickelt und in ihrem Alter bieten sich nicht gerade viele alternative Optionen. Sie beginnt zu berichten, wie ein kleiner Irrtum zum Fehltritt wird und mit Maßlosigkeit geahndet ihre Weiblichkeit oftmals verdeckt als Grund für eine herbei geredete Unfähigkeit herangeführt wird. Strafversetzt in ein Call-Center für Handyanbieter fühlt sie sich degradiert und kontrolliert und sieht sich auf einmal neuen, dubiosen Kollegen gegenüber.

Da ist zum einen Karsten B., der früher mal Teamleiter war und jetzt wieder den normalen Telefondienst leisten muss (Weiß der Geier, warum ihm dieser Posten wieder entzogen und er zurückversetzt wurde?!). Nach wie vor fühlt er sich zu Höherem berufen. Er ist oft nicht anwesend und in ‚wichtigen’ (zumindest glaubt er das) Gesprächen im Haus unterwegs. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit gehört nun dem neuen Teamleiter, dem es sich zu unterwerfen gilt. Seine Arbeit müssen andere machen, und das ist auch gut so, denn sie steht seiner Karriere nur im Weg. Eine regelmäßige Berichterstattung gegenüber dem Teamleiter über unsere Freundin und ihre Arbeit scheint ihm ein legitimes Mittel dafür zu sein. Wer allerdings einen sachkundigen und kompetenten Rat bei ihm sucht, liegt falsch. Er ist einfach nicht mehr mit dem Tagesgeschäft vertraut. Doch mit dieser Mischung aus fötaler Devotionalhaltung und der Fähigkeit im entscheidenden Augenblick ein wichtigen Gesichtsausdruck zu machen, hat er es tatsächlich wieder geschafft, sich in der Beförderungskurve des Unternehmens zu positionieren. So klebrig waren noch nicht einmal die deutschen Beamten zu ihrer Blütezeit.

Markus F. (das Ziel aller Demütigungen und Unmutsäußerungen, die es spätestens an jedem Montag morgen gibt ... sozusagen der Prellbock der Truppe) ist durch das kollegiale und doch „eigentlich gar nicht so ernst gemeinte“ Mobbing mittlerweile so gehemmt, dass er in seinen Sätzen mehr „äh“s verwendet, als ein Normalsterblicher Konsonanten. Am Telefon glaubt man mit Leitungsschwierigkeiten konfrontiert zu sein, die den normalen Sprachfluss stückeln.

Und dann ist da noch Christa N., die im Betriebsrat sitzt und als nettes und recht unterhaltsames Accessoire im Call-Center ihren Platz gefunden hat. Eigentlich sollte sie bei all diesen ‚Übergriffen’ gegen Markus einschreiten, aber sie hat soviel Charme, dass man es ihr noch nicht einmal übel nehmen kann, dass sie nicht begreift, was hier passiert.

Gerd K. ist genau das Gegenteil von ihr. Er spricht sogar mit dem Kunden am Telefon so, als würde er seinem Hund zuhause Kommandos erteilen und regt sich jedes Mal maßlos darüber auf, dass er nicht verstanden wird. Wie er mit seinen Kollegen umspringt, mag man sich nur entfernt vorstellen.

Lothar D., der neue Teamleiter? In seinem Zeugnis wird sicherlich eines Tages stehen: Er war für die rektal-linguale Massage und Vollreinigung der Geschäftsetage zuständig und hat seinen Aufgabenbereich mit Hingabe erfüllt. Karsten B. kann es bis heute wohl noch nicht verknusern, dass ihm ausgerechnet dieser Volldepp seinen Job weggenommen hat. Aber wie schon erwähnt, er hat einen neuen Weg gefunden. Und ausgerechnet Lothar D. ist der Betriebsratsvorsitzende, der offensichtlich keine eigene Meinung hat und diese erst beim morgendlichen Briefing von Firmenleitung entgegennehmen muss.

Ach ja, und dann gibt es da noch Roland L., der zusehends am fehlenden Applaus seines schwebenden Erscheinens jeden Morgen zu zerbrechen droht. Ihm fehlt offenbar die Zuwendung, die er zuhause anscheinend nicht mehr bekommt und nun im Büro sucht. Ein versteckter Hilferuf, der von niemandem verstanden und wenn, nicht ernst genommen wird.

So, nun haben wir die ‚lustige’ Truppe zusammen, die eigentlich im Call-Center für die Kundenzufriedenheit bei den Handy-Benutzern sorgen soll. Dass es in jedem Großraumbüro, die sich schon vor vielen Jahren als nicht effektiv herausgestellt haben, zu zwischenmenschlichen Reibungspunkten kommt, muss nicht extra erwähnt werden.

Ach ja, ich vergaß. Da ist ja noch der Abteilungsleiter Herr S. Eher der Typ Marke „Pascha“. Einer von denen, die immer noch glauben, ein Team unter der Knute effektiv zusammen zu halten. Eine Schreckensherrschaft aufzubauen, auch auf die Gefahr hin, als Kim Jung Il für Fußgänger abgestempelt zu werden. Wie schlecht muss man als Kind behandelt worden sein, um sich heute Untergebenen gegenüber so zu verhalten? Übrigens, seine Schwäche für blonde Mitarbeiterinnen hat er mit dem nordkoreanischen Staatschef gemein. Um im Unternehmen weiter zu kommen, muss man ihm genehm sein und sich seinem Diktat unterwerfen, was nicht gerade für die fachliche Qualität der Mitarbeiter spricht, um die es doch eigentlich in erster Linie gehen sollte. Widerworte mag er überhaupt nicht. Alles Mobbing geht von ihm aus. Bei ihm laufen die Fäden zusammen. Er will über alles informiert sein und alles und jeden unter Beobachtung haben. 1984 anno 2006. Es entsteht ein diktatorischer Druck, der zwangsläufig immer weiter durchgereicht wird. Opportuner Ventilismus: Wenn ich den Druck nicht zurückgeben kann, suche ich mir den nächst Schwächeren, der für mich als Ventil hinhalten muss.

Doch ein Team ist immer nur so gut, wie das schwächste Glied in ihm. Es sind eben jene schwachen Glieder, die dem nach oben und zum Erfolg strebenden Team wie ein Klotz am Bein hängen und dessen man sich mit Ellbogenrempeleien, Tritten und Mobbing entledigt. Das auf die Zukunft projiziert zeigt, dass sich das Team selber ausdünnt. Das Highlander-Prinzip: Es kann nur Einen geben.

Aber warum wird dann in Stellenanzeigen immer wieder Teamfähigkeit verlangt und letztendlich doch nur das Schwein in uns erwartet? Warum nehmen wir uns nicht die Zeit, mit einem geduldigen Wissenstransfer auch die Schwächsten im Team zu stärken und damit das Team unangreifbar und erfolgreich zu machen? Zugegeben, in diesem Beispiel hat beides keinen Erfolg, weil es hier nur um blanke Arschkriecherei geht. Irgendjemand, der sich selbst für viel zu wichtig nimmt erwartet, dass alle vor ihm kriechen und ihm die Füße küssen. Sorry, einfach nur ein Vollidiot!

Zur Teamarbeit gehört auch, mal auf den nächsten Schritt nach oben verzichten zu können, damit das Auswahlverfahren eine gerechte Note und der wirklich verdiente eine Gratifikation bekommt. Ein Gedanke, der in der heutigen Berufswelt leider viel zu oft vergessen wird. Es geht nur noch ums Geld. Ich weiß, es klingt abgedroschen und für all die, die nicht so viel verdienen wie eine ständig herbei gebetete Ausrede. Aber ist Materialismus wirklich das Ziel aller Träume, und ist es das wert, sich überall und bei jedem unbeliebt zu machen? Wenn ich gezwungen bin, kurz vor der Beförderungsrunde die Geschäftsleitung mit der Nase auf meine Leistung zu stoßen, dann stimmt doch schon grundlegend etwas nicht an dem Verhältnis. Leistungen sollten für sich sprechen und nicht durch einen selbst angesprochen werden.

Ein Freund sagte mal, dass sich Lebensqualität mehr an der Zeit fest macht, die man für sich zur Verfügung hat und nicht primär an dem Geld und den Gütern, die man besitzt.

Unsere Freundin hat mittlerweile einen neuen Job gefunden. Sie kann sich glücklich schätzen. Viele in dieser Situation haben nicht diese Möglichkeit. Mit ihrem neuen Job hat sie zwar einen Rückschritt in ihrer Karriere gemacht, und sie verdient auch ein bisschen weniger, was durch den kürzeren Arbeitsweg aber fast schon wieder kompensiert wird. Aber dem gegenüber steht ein riesiger Gewinn: das Betriebsklima ist deutlich besser. Und in ihrer Freizeit? Sie grübelt nicht mehr, ist nicht mehr abwesend. Sie lacht wieder. Willkommen zurück im Leben.

In diesem Sinne,

Gruß,

Samba

Nachtrag: Ich habe mir die Details dessen, was im Büro unserer Freundin vor sich geht gespart. Wer mag, kann es sich selber vorstellen. Aber ich versichere, dass es schon mächtig unter die Gürtellinie ging. Eines sei hier nur noch einmal gesagt: Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Wer mobbt, macht sich strafbar! Die juristische Tiefe und die Raffinesse, mit der Täter vorgehen hier auszuleuchten, würde den Rahmen sprengen. Aber jedem, der sich diskriminiert fühlt, kann ich nur raten professionelle Hilfe aufzusuchen, bevor es noch weiter eskaliert. Hilfe bzw. Auskunft darüber gibt es neben den Gewerkschaften auch beim Arbeitsamt.

Ach übrigens, natürlich sind die Namen wieder geändert.



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Veröffentlicht am: 28.12.2006
Aktualisiert am: 2007-01-02 12:49:47
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